Hochschule Düsseldorf
University of Applied Sciences

​Schlachthof
gesc​​​​hichten

Ein Gespräch mit Manfred Rüttger,
dem letzten Betriebsleiter des Düsseldorfer Schlachthofs
Von Lién Hessenauer​

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​Über dreißig Jahre arbeitete Manfred Rüttger im Schlachthof Derendorf. Als ehemaliger Betriebsleiter liefert er uns spannende Einblickei n seine damalige Arbeit und fesselt uns mit lustigen Geschichten aus dem Leben auf dem Schla​chthof.

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​»Sagen wir so:
Es gibt vornehmere Viertel hier in Düsseldorf.«

​Herr Rüttger, was war damals ihre Arbeit auf dem Schlachthof?

Damals war ich Betriebs- bzw technischer Leiter und dementsprechend für die gesamte Technik auf dem Schlachthof zuständig. Begonnen habe ich meine Arbeit dort am 1. April 1971, damals war der Schlachthof noch städtisch. Privatisiert wurde er erst am 1. Januar 1979, als er von der Fleischversorgung Düsseldorf FVD übernommen wurde. Diese Firma war für Instandhaltung, Reparaturen, Müllentsorgung und die Schlachtereien zuständig.

Die Besitzer waren auch gleichzeitig die Mieter der einzelnen Stände des Schlachthofs. Vergleichen lässt sich das mit einem großes Haus mit vielen Eigentumswohnungen, welche von der FVD instandgehalten wurden. Über 30 Jahre habe ich dort gearbeitet, bis der Schlachthof am 30. September 2003 geschlossen wurde. Wie lange wohnen Sie schon in Derendorf? Hat sich in dieser Zeit viel verändert?

»Ich wohne bereits vierzig Jahre hier, in dieser Zeit hat sich einiges verändert. Wo einst der Milchhof war, ist nun das britische Konsulat. Die Schlösser-Brauerei ist nicht mehr da, ebenso die Firma Rheinmetall und der Schlachthof. Derendorf war immer ein Industrieviertel, eine Arbeitergegend. Es hat sich was gewandelt, aber es ist doch noch ziemlich... Sagen wir so: es gibt vornehmere Viertel in Düsseldorf.«


»​Der s​​etzte die Zange an und dann: Tschumm! Ein Lichtbogen.«

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​​Wie wurden Sie eigentlich Betriebsleiter des Schlachthofs?

»Ich habe den damaligen Betriebsleiter abgelöst, da dieser nicht mehr fähig für die Position war. Es gab einige Situationen, die das bestätigt haben. ​Einmal wurde beispielsweise ein neues Kesselhaus gebaut. Der Betriebsleiter war nie zu erreichen, deshalb war ich der einzige Ansprechpartner der Stadt. Ich kannte die Leute vom TÜV zwar bereits, das änderte aber nichts an der Tatsache, dass er hätte dabei sein müssen. Ein anderes mal tauchte er dann tatsächlich auf. Ich war gerade dabei, mit dem Chef der Kesselbauabteilung des Tüv einige Daten zu überprüfen. Da kam er unten rein, voll wie ein... Das war allerdings nicht das erste Mal. Er hatte auch mal eine Stromleitung angeschaltet, obwohl ein Schild daran befestigt war: Nicht einschalten!
​An dem Tag war er ebenfalls betrunken und beauftragte einen Mitarbeiter, das Schild wegzumachen und die Stromleitung einzuschalten. Da gerade umgebaut wurde, kam es schon mal zu Kurzschlüssen, wenn aus Versehen ein Kabel kaputtgerissen wurde. Denn das waren keine kleinen Kabel, sondern Kabel so dick wie ein Arm. Zum Glück hatte ich meinem Kollegen, der gerade Reparaturen an einer Leitung vornehmen wollte, vorher gesagt, Mensch, nimm lieber die Zange, wer weiß. Der setzte die Zange an und dann: Tschumm! ein Lichtbogen. Wir machten erst mal einen Satz zurück. Mir war direkt Bewusst, dass da jemand den Schalter umgelegt haben muss. Hätte mein Kollege das ohne Zange gemacht, dann wäre es ganz schnell aus für ihn gewesen. Daraufhin bin ich dann zu dem Betriebsleiter hin und sagte, wenn ich das der Arbeitssicherheit melde, dann landen Sie im Bau.​Da steht Gefängnisstrafe drauf auf so was. In seinem Rausch meinte er jedoch nur, kannst du ja machen, wenn du das willst, wobei ich es dann bewenden ließ. Als er daraufhin aber wieder betrunken im Schlachthof erschien, ließ ihm die Verwaltung ein Schreiben zukommen, dass er das Kesselhaus in keinem Fall mehr betreten dürfe. Es war mittlerweile ein Gaskesselhaus und lief vollautomatisch ohne Beaufsichtigung. Es musste nur alle 24 Stunden einmal durchgecheckt werden, dann lief es von alleine. Da hatte kein Betrunkener was drin zu suchen, da konnte schließlich einiges passieren. Dann hat es schließlich auch nicht mehr lange gedauert, bis die Situation untragbar wurde. So hat man einen neuen Betriebsleiter gebraucht. Und der wurde ich.«

 

»​Man wusste ​​ja nie, was von außen an Viehzeug reinkam.«

Wie muss man sich den Betrieb auf dem Schlachthof vorstellen? ​​

»Die Betriebe, die unsere Anlage nutzten, kauften ihr Vieh auf dem Land und transportierten es zu uns auf den Schlachthof. Dann folgten Untersuchungen durch Veterinäre. Die Tiere wurden augenscheinlich auf ihren Gesundheitszustand kontrolliert. Gab es Auffälligkeiten, so konnten die Tierärzte besondere Untersuchungen veranlassen. Danach wurden die Tiere unserer Schlachtung zugeführt. Es gab eine Schweineschlachtlinie und eine Großviehschlachtlinie, Hammel wurden bei uns nicht geschlachtet. Durchgeführt wurde die Schlachtung von einer von uns beauftragten Kolonne, welche die einzige war, die in der Schlachthalle tätig sein durfte. ​Diese bestand aus Kontrolleuren, Tierärzten und dem Beschauamt.
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Wie liefen die Kontrollen ab?

»Früher war das noch um einiges strenger als heute. Heute sind die Kontrollen ein bisschen „larifari“ geworden. Damals mussten wir einmal im Jahr z​um Gesundheitsamt. Untersucht wurde dort hauptsächlich auf Lungenkrankheiten, Tuberkulose und so weiter. In der Hinsicht war man schon gefährdet. Man wusste ja nie, was von außen an Viehzeug rein kam. Wegen des Hautkontakts mit dem Fleisch wurde intensiv auf Hautkrankheiten überprüft. Auch auf Salmonellen wurde kontrolliert. Zweimal gab es bei uns solch einen Krankheitsfall, die Betroffenen wurden damals gewissermaßen zwangsbeurlaubt. ​Entlassen wurde bei uns so schnell keiner, aber krankheitsbedingt konnte das jedem passieren.​
Die Tiere wurden von Begutachtern geprüft, die dann entschieden haben, ob die Tiere gesund waren und direkt für den freien Markt zugelassen werden konnten. Die Tiere, mit denen etwas nicht stimmte, wurden aussortiert und in einem separaten Raum gehalten, wo niemand mit ihnen in Berührung kam. Man nahm ihnen Blutproben ab, welche dann zu einem unabhängigen Institut nach Krefeld geschickt wurden. Erst wenn von dort das Ergebnis kam, gab es eine endgültige Entscheidung, ob das Tier genusstauglich ist und somit weiter verwertet werden darf, oder verworfen werden muss.


»​Um diesen Baum hat es auf dem Schlachthof richtige 
Kä​​mpfe g​egeben.«

Gibt es über den großen Baum auf dem Gelände auch etwas zu erzählen?

»Laut EWG Norm darf auf einem Schlachthof nicht das geringste Grashälmchen wachsen. Der Baum ist wirklich ein außergewöhnliches Exemplar. Noch schöner sieht er aus, wenn er im Sommer richtig grün ist.
Wir hatten ihn immer gepflegt und sogar einen Baumarchitekten bestellt, um ihn zu schneiden. Selbst der Regierungspräsident bekam den Baum nicht weg. Um diesen Baum hat es beim Schlachthof richtige Kämpfe gegeben. Schlussendlich durfte er bleiben. Eigentlich hätten wir ihn auch gerne​ weg gehabt, da hier Kanäle liefen, in die sich die Wurzeln immer wieder hineinarbeiteten.
Man glaubt gar nicht, was Bäume für eine Kraft haben. Da wird es noch ein Kampf drum geben, denke ich.​«

 

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»​​Dann kam die Nordsee und wollte auf unserem Gelände bauen. Das löste einen riesen Krach​​ aus.«

​Die Viehhalle hat eine dunkle Vergangenheit...

»Das war zu Anfang des Krieges, als die Juden dort eingesperrt wurden, 600 oder 800 Menschen waren das gewesen. Einmal sprach ich mit einem Maschinisten, der das alles miterlebt hatte. Zwei Tage waren sie unten im Keller des Gebäudes. Sie sind nachts angeliefert worden, der Maschinist musste damals das Tor aufschließen. Erst wurden sie in dem alten Gebäude gesammelt und dann nachts hinunter zum Viehhof gebracht und in einen Keller gesperrt. Damals mussten die Maschinisten auf dem Viehhof immer das Wasser auf- und zudrehen. Zu zweit gingen sie dann dort hin, einer von ihnen musste Ausschau halten, da auch Aufpasser von den Braunen dort waren, welche sich aber zum Glück nicht auskannten. Also konnten die Maschinisten den Juden im Keller wenigstens das Wasser aufdrehen. Es gab auch Wurfluken, durch die man vom Heuspeicher Ballen nach unten werfen konnte. Die Aufpasser dachten, sie versorgten das Vieh. Aber die Juden mussten sich schließlich irgendwo drauflegen, sie konnten ja nicht immer auf dem nasskalten Boden liegen. Auf dem Markt organisierten die Maschinisten dann auch ein paar Würste, um sie den Juden zu geben, man war da ja nicht so. Mehr konnten sie auch nicht machen. Die Aufpasser durften natürlich nichts davon wissen. Die Juden wurden dann am nächsten oder übernächsten Tag an der Laderampe, wo Vieh abgeladen wurde, in Viehwaggons wieder abtransportiert.« 
Wie kam es dann zum Denkmalschutz?

»Wir mussten die Stände, die das Fleisch bearbeiteten, zwischendurch immer mal wieder auf den neusten Stand bringen. Deshalb wurde der Betrieb zwischenzeitlich an einen anderen Ort ausgelagert, um die Produktion weiterzuführen. Und dann kam die Nordsee und wollte auf unserem Gelände bauen. Das bot sich an, weil von Hamburg nach München jede Nacht ein mit Fisch beladener Sonderkühlzug fuhr, der auch an Düsseldorf vorbeikam. Auf der Fahrt gab es Stationen, an denen der Fisch ausgeladen bzw. ein ganzer Waggon abgehängt wurde. Da wäre dieses Gelände hier ideal gewesen. Die Nordsee war damals zwar ein riesen Unternehmen, bekam jedoch trotzdem keine Genehmigung. Das löste einen riesen Krach aus, ich weiß noch, wie der Oberbürgermeister sagte: Uns in Düsseldorf können die vergessen, solange wie ich hier das Sagen habe, nicht! Um zu verhindern, dass die Nordsee dort hinkam, stellte man das Gebäude unter Denkmalschutz. Und da fingen so langsam die Sachen an. Ich verurteile es genauso, was damals passiert ist, und wenn es nur 800 Menschen waren. Aber dieses Gebäude ist im Krieg zerstört und später gänzlich abgerissen worden. Das Gebäude, das heute noch steht, wurde 1953 neu aufgebaut. Eigentlich hat es gar nichts mehr damit zu tun. Es ging drunter und drüber, da sich die Stadt mit dem Denkmalschutz ein Eigentor geschossen hat. Heute fragt man sich nur, was haben wir da gemacht?


​Denn ja, es gibt genügend interessierte Investoren, doch sind sie alle von dem geschützten Gebäude abgeschreckt. Deshalb wird nun die Fachhochschule gebaut, letztendlich ist das eine Notlösung und nicht die „neueste Errungenschaft“, wie es öffentlich verkauft wird. Es ist nicht der ursprüngliche Gedankengang.«

 

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»​Dann haben wir den Jupp
da reingerollt, und er lag da siche​​r.«

​Welche Geschichte aus dem Arbeitsalltag ist Ihnen noch in Erinnerung geblieben?

»Einmal kam Karl, der Hallenmeister unserer Schlachthalle, ganz verzweifelt in mein Büro. Man​ni, komm mal schnell mit runter, der Jupp! Jupp war nicht bei uns, sondern bei einer Fremdfirma beschäftigt, und trank ganz gerne mal ein Glas zu viel. Mensch, war der Mann betrunken, also sagenhaft. Nicht mal mehr laufen konnte er. Und noch hinzu war er kugelrund. Ich merkte schnell, dass jemand, der so viel Speck auf den Rippen hat, sich nirgendwo anpacken ließ. Aber auf der Straße liegen lassen konnten wir ihn auch nicht. Da meinte ich zu Karl, ich habe da eine Idee. Wir rollten ihn dann auf ein Wägelchen, wie ein flacher Einkaufswagen, womit wir ihn aus der Halle hinaus rüber zum Viehhof fuhren.
​Dort wollten wir ihn in den Sozialraum legen. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt hatte die Schlösser-Brauerei eine riesige Baustelle, auf der eine neue Lagerhalle gebaut wurde. Dieses Bild werde ich nie vergessen, wie die Leute dort am Zaun standen und sich über uns kaputtlachten. Vor allem weil dieser Jupp so rund war, dass er immer wieder vom Wagen herrunterrollte. Wir rollten ihn dann wieder hinauf, in den Viehhof rein. Dort standen wir dann vor der Treppe, die zu dem Sozialraum führte. Da fiel mir ein, Mensch, Karl, den können wir gar nicht da hochbringen, in den Sozialraum. Der bricht sich ja den Hals, wenn er wieder nach unten will. Die Treppe ging steil runter, das konnten wir nicht machen. Aber dann kam mir eine Idee. Es gab ja die Tröge für das Großvieh. Ich sagte, weißt du was, Karl, Stroh rein, da kann er nicht rausfallen. Dann haben wir den Jupp da reingerollt, und er lag da sicher.
​Am nächsten Morgen kam der Amtstierarzt. Er war nach uns durch die Viehhalle gegangen und schaute, ob noch Vieh da ist. Komischerweise kam er aber direkt zu mir. Herr Rüttger, was haben sie denn da gemacht? Ich sagte, was hab ich gemacht? - Ja ich laufe durch die Viehhalle, da war kein Vieh mehr drin, aber irgendjemand hat da geschnarcht. Da liegt der Jupp und ist am Schnarchen, da hab ich dann direkt gedacht, das kann doch nur der Herr Rüttger gewesen sein.

Illustration: Lién Hessenauer / Creative Direction: Prof. Wilfried Korfmacher, Dipl.-Des., Dipl.-Psych. / Editorial Direction: Andreas Liedtke, Dipl.-Des. / Editorial Design: Lién Hessenauer




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