Welche Rolle kann und soll Wissenschaft bei der Sicherung von Frieden und Verteidigungsfähigkeit übernehmen? Und ist eine Zivilklausel unter den veränderten sicherheitspolitischen Bedingungen noch zeitgemäß? Über diese Fragen diskutierten am Montag, 2. November 2026, die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Markus Ogorek, stellvertretender Direktor der Adenauer School of Governance an der Universität zu Köln und Prof. Dr. Nataliya Shakhovska, Rektorin der Nationalen Polytechnischen Universität Lwiw in der Ukraine. Mehr als 100 Gäste, darunter zahlreiche Studierende, verfolgten im Audimax der Hochschule Düsseldorf (HSD) die Veranstaltung der Initiative „HSD im Diskurs“ in Zusammenarbeit mit der Adenauer School of Government der Universität zu Köln. Die Moderation übernahm Prof. Dr. Olexiy Khabyuk vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften.
Forschung in einer veränderten Sicherheitslage
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Hochschulen ihren Friedensauftrag mit den Herausforderungen einer zunehmend unsicheren Welt verbinden können. Mona Neubaur verwies auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die damit verbundenen Anforderungen an die europäische Verteidigungsfähigkeit.
„Zur Verantwortung der Wissenschaft gehört es, nicht nur die Risiken der eigenen Forschung zu bedenken, sondern auch die Folgen eines Verzichts auf Forschung. Frieden zu sichern, bedeutet heute auch, sich denen entgegenzustellen, die diesen Frieden bedrohen“, so Neubaur.
Als konkretes Beispiel nannte Neubaur das von ihrem Ministerium initiierte Förderprogramm „Defence.Tech.NRW“. Mit insgesamt 28,4 Millionen Euro aus EU-Mitteln werden innovative Technologien gefördert, die sowohl der zivilen als auch der militärischen Sicherheit dienen können. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Dual-Use-Anwendungen, etwa in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Robotik, Cybersicherheit und Sensorik. Das Programm richtet sich insbesondere an Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die gemeinsam neue technologische Lösungen entwickeln. Zu den ausgewählten Vorhaben gehört unter anderem die Entwicklung KI-gestützter Systeme zur frühzeitigen Erkennung von Drohnen, mit denen beispielsweise kritische Infrastrukturen geschützt werden können.
Wissenschaftsfreiheit und ethische Verantwortung
Prof. Dr. Markus Ogorek beleuchtete die rechtlichen Grenzen einer Zivilklausel. „Strikte Verbote militärbezogener Forschung, wie sie in Zivilklauseln verankert sein können, halte ich für verfassungsrechtlich bedenklich. Bei der Abgrenzung zwischen ziviler und militärischer Forschung wird man objektive Kriterien suchen müssen: Welches Problem wird damit bearbeitet? Wem nützt die Forschung? Wer ist der Auftraggeber und wer der spätere Nutzer? Am Ende kommt es auf den Einzelfall an.“
Perspektive aus der Ukraine: Wissenschaft im Krieg
Eine besondere Perspektive brachte Prof. Dr. Nataliya Shakhovska ein. Die Rektorin der Nationalen Polytechnischen Universität Lwiw schilderte, wie der russische Angriffskrieg den Alltag und die wissenschaftliche Arbeit an ukrainischen Hochschulen verändert hat. „Wir haben uns diesen Krieg nicht ausgesucht. Wir verteidigen das Recht, in einem freien Land zu leben, unsere Sprache, unsere Kultur und unsere Geschichte zu bewahren. Wissenschaft kann dabei helfen, Menschenleben zu schützen, unsere Infrastruktur zu sichern und unsere Demokratie gegen Desinformation zu verteidigen. Forschung, die das Leben schützt, dient dem Frieden.“
Shakhovska machte deutlich, dass Forschung zur Verteidigung und zivile Anwendungen häufig eng miteinander verbunden seien. So könnten beispielsweise Entwicklungen aus der Drohnentechnologie später auch in der Landwirtschaft eingesetzt werden.
Offener Austausch mit dem Publikum
Auch in der Diskussion mit dem Publikum zeigte sich eine überwiegend offene Haltung gegenüber sogenannter Dual-Use-Forschung, deren Ergebnisse sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken dienen können. Einzelne Wortmeldungen thematisierten dagegen ethische Bedenken gegenüber militärbezogener Forschung. Die Debatte verdeutlichte damit die unterschiedlichen Erwartungen an die gesellschaftliche Verantwortung von Hochschulen.
Die Initiative „HSD im Diskurs“, die aus dem Senat der Hochschule hervorgegangen ist, hatte zu der Veranstaltung eingeladen, um den offenen Austausch über kontroverse gesellschaftliche und wissenschaftspolitische Fragen zu fördern. Mit der Diskussion über die Zivilklausel griff sie ein Thema auf, das Wissenschaft, Politik und Gesellschaft angesichts der aktuellen sicherheitspolitischen Entwicklungen gleichermaßen beschäftigt.