Kimberlé W. Crenshaw ist Juristin, Wissenschaftlerin und Autorin und zählt zu den prägendsten Stimmen des intersektionalen Feminismus. Sie lehrt an der Columbia Law School sowie an der University of California, Los Angeles. In ihrer Arbeit verbindet sie kritische Rassentheorie, Schwarzen feministischen Rechtsansatz
und Bürgerinnenrechtsarbeit mit politischem Aktivismus. Im Zentrum steht dabei stets die Frage, warum bestimmte Diskriminierungserfahrungen – insbesondere
die Schwarzer Frauen – im Rechtssystem und in gesellschaftlichen Debatten unsichtbar bleiben.
Die Entstehung des Konzepts der Intersektionalität
Crenshaw prägte den Begriff Intersektionalität, um zu beschreiben, wie sich Diskriminierungen aufgrund von rassistischen Zuschreibungen und Geschlecht nicht getrennt, sondern gleichzeitig und miteinander verwoben auswirken. Diskriminierung trifft Menschen nicht nacheinander, sondern zur selben Zeit. Wie Crenshaw es sinngemäß beschreibt, wird man nicht erst von Rassismus und dann von Sexismus überfahren, sondern von beidem gleichzeitig.
Ein zentrales Beispiel hierfür ist der Gerichtsfall Emma DeGraffenreid gegen General Motors aus dem Jahr 1976. Schwarze Frauen klagten wegen Diskriminierung, da ihnen der Zugang zu Arbeitsplätzen sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch aufgrund rassistischer Zuschreibungen verwehrt wurde. Das Gericht wies die Klage ab, da die Erfahrungen der Klägerinnen weder mit denen weißer Frauen noch mit denen Schwarzer Männer übereinstimmten. Genau hier zeigte sich ein gravierendes Versäumnis des Antidiskriminierungsrechts: Schwarze Frauen fielen durch das Raster, weil ihre Mehrfachdiskriminierung rechtlich nicht anerkannt wurde. Aus dieser Unsichtbarkeit heraus entwickelte Crenshaw den Begriff der Intersektionalität.
Intersektionaler Feminismus als politisches Projekt
Für Crenshaw ist Intersektionalität kein Selbstzweck und keine bloße Wortschöpfung. Sie versteht intersektionalen Feminismus als ein politisches Projekt, das darauf abzielt, Machtverhältnisse grundlegend zu verändern. Dabei geht es nicht um das bloße Benennen von Identitäten, sondern um die Institutionen und Strukturen, die Identität nutzen, um Menschen zu privilegieren oder auszuschließen.
„A truly intersectional feminism can reach everyone on the planet.“
Mit ihrem macht Kimberlé deutlich, dass Feminismus nur dann alle Menschen erreicht, wenn er bei den strukturell am stärksten marginalisierten ansetzt. Gleichberechtigung entsteht nicht an der Oberfläche, sondern durch das konsequente Hinterfragen und Überwinden verwobener Herrschaftsverhältnisse.
#SayHerName
Ein zentraler Schwerpunkt von Crenshaws Arbeit ist das Sichtbarmachen von Gewalt gegen Schwarze Frauen* und Mädchen. Gemeinsam mit dem von ihr mitbegründeten African American Policy Forum (AAPF) veröffentlichte sie das Buch Say Her Name: Resisting Police Brutality Against Black Women. Daraus entstand die #SayHerName-Kampagne, die darauf aufmerksam macht, dass auch Frauen* bei Polizeieinsätzen getötet werden – ihre Namen und Geschichten jedoch häufig aus öffentlichen Debatten gelöscht werden.
Crenshaw betont, dass Intersektionalität allein keine unsichtbaren Körper sichtbar macht. Worte müssen von konkreten politischen Maßnahmen begleitet werden. Intersektionale Arbeit erfordert Verantwortung, Ressourcen und den Willen, bestehende Machtverhältnisse zu verändern – insbesondere dort, wo Frauen und Mädchen of Color systematisch benachteiligt werden.
Die Bedeutung von Crenshaws Arbeit
Fast dreißig Jahre nach der Veröffentlichung ihres grundlegenden Textes „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“ ist Crenshaws Arbeit weiterhin von zentraler Bedeutung. Ihr Konzept hat Sprache geschaffen für Erfahrungen, die zuvor kaum benannt werden konnten, und dient bis heute als Werkzeug für Empowerment, politische Organisierung und Widerstand.
Intersektionalität erinnert daran, dass soziale Bewegungen nur dann gerecht und tragfähig sind, wenn sie die komplexen Lebensrealitäten Schwarzer Frauen konsequent ins Zentrum stellen – nicht als Randnotiz, sondern als Ausgangspunkt für gesellschaftlichen Wandel.
Quellen
mehr Informationen folgen am 09. Februar
mehr Informationen folgen am 16. Februar
mehr Informationen folgen am 23. Februar